OEKO-TEX: Das umfassende Prüf- und Zertifizierungssystem für Textilien
Auf zahlreichen Textilien, so auch auf textilem Sicht- und Sonnenschutz, findet man den Hinweis, dass diese OEKO-TEX-zertifiziert seien. Aber was bedeutet das eigentlich und wie vertrauenswürdig ist ein OEKO-TEX-Zertifikat?

OEKO-TEX ist ein weltweit einheitliches Prüf- und Zertifizierungssystem für Textil- und Lederprodukte, das sicherstellt, dass textile Erzeugnisse gesundheitlich unbedenklich sind. Das System wurde entwickelt, um Vertrauen in die Textil- und Lederindustrie zu schaffen und nachhaltige Entscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu fördern.
Was ist OEKO-TEX?
OEKO-TEX bezeichnet ein internationales Netzwerk von unabhängigen Prüf- und Zertifizierungsinstituten mit Niederlassungen in mehr als 70 Ländern. Das System umfasst verschiedene Labels und Standards, die textile Produkte in allen Verarbeitungsstufen – von der Faser bis zum fertigen Produkt – auf Schadstoffe prüfen und zertifizieren.
Die OEKO-TEX-Prüfinstitute testen Textilprodukte auf ihren Gehalt an mehreren hundert reglementierten Einzelsubstanzen aus 17 verschiedenen Schadstoffklassen. Jeder im Labor gemessene Wert muss unter dem festgelegten Grenzwert liegen, damit das Zertifikat erteilt wird.
Die verschiedenen OEKO-TEX-Zertifizierungen im Überblick
STANDARD 100 by OEKO-TEX
STANDARD 100 ist das bekannteste und am weitesten verbreitete OEKO-TEX-Label. Es zertifiziert, dass ein Textilprodukt auf gesundheitsschädliche Substanzen geprüft wurde und die strengen Grenzwerte einhält. Diese Grenzwerte werden jedes Jahr aktualisiert und unter Umständen erweitert. Dabei liegt der Fokus darauf, dass das Produkt sicher für den Endverbraucher ist.
Produkte mit OEKO-TEX-Standard 100 werden noch einmal in vier verschiedene Klassen unterteilt. Das soll der Tatsache Rechnung tragen, dass nicht alle Textilien auf die gleiche Art genutzt werden. Textilien, die nah am Körper getragen werden, insbesondere von Babys, unterliegen deutlich strengeren Anforderungen als etwa textiler Sicht- und Sonnenschutz wie Plissees oder Rollos.
Produktklassen nach STANDARD 100:
- Produktklasse I: Artikel für Babys und Kleinkinder (bis 3 Jahre) – strengste Grenzwerte
- Produktklasse II: Textilien mit direktem Hautkontakt (z. B. Unterwäsche, Bettwäsche)
- Produktklasse III: Textilien ohne direkten Hautkontakt (z. B. Jacken, Mäntel)
- Produktklasse IV: Ausstattungsmaterialien (z. B. Vorhänge, Tischdecken)
MADE IN GREEN by OEKO-TEX
MADE IN GREEN ist ein umfassenderes Produktlabel, das 2016 eingeführt wurde und das frühere „STANDARD 100plus"-Label ersetzt. Es geht über die reine Schadstoffprüfung hinaus und verbindet Produktsicherheit mit Nachhaltigkeitskriterien. Ein Produkt mit dem Label MADE IN GREEN muss die gleichen Grenzwerte für Schadstoffe einhalten, wie STANDARD 100. Zudem gelten folgende Voraussetzungen:
- Alle Betriebe, in denen Konfektionierung oder nass-chemische Behandlung stattfindet, müssen nach dem STeP-Standard (Sustainable Textile Production) zertifiziert sein
- Mindestens 85% des Gesamtgewichts des Artikels müssen aus STeP-zertifizierten Betriebsstätten stammen
- Umweltfreundliche Produktionsstätten und sozialverträgliche Arbeitsplätze
- Rückverfolgbarkeit des Produkts entlang der Lieferkette
STANDARD 100 vs. MADE IN GREEN: Die wichtigsten Unterschiede
Kriterium Fokus |
Kriterium Produktsicherheit |
Kriterium Umweltkriterien |
Kriterium Soziale Kriterien |
Kriterium Rückverfolgbarkeit |
Kriterium STeP-Zertifizierung |
Kriterium Gültigkeit |
STANDARD 100 Schadstoffprüfung des Endprodukts |
STANDARD 100 Geprüft auf schädliche Substanzen |
STANDARD 100 Nicht berücksichtigt |
STANDARD 100 Nicht berücksichtigt |
STANDARD 100 Keine Transparenz der Lieferkette |
STANDARD 100 Nicht erforderlich |
STANDARD 100 1 Jahr |
MADE IN GREEN Schadstoffprüfung + nachhaltige Produktion |
MADE IN GREEN Geprüft auf schädliche Substanzen |
MADE IN GREEN Umweltfreundliche Betriebsstätten erforderlich |
MADE IN GREEN Sozialverträgliche Arbeitsplätze erforderlich |
MADE IN GREEN Vollständige Nachverfolgbarkeit möglich |
MADE IN GREEN Mindestens 85% des Gewichts aus STeP-Betrieben |
MADE IN GREEN 1 Jahr |
STANDARD 100 vs. MADE IN GREEN: Die wichtigsten Unterschiede
| Kriterium | STANDARD 100 | MADE IN GREEN |
|---|---|---|
Fokus | Schadstoffprüfung des Endprodukts | Schadstoffprüfung + nachhaltige Produktion |
Produktsicherheit | Geprüft auf schädliche Substanzen | Geprüft auf schädliche Substanzen |
Umweltkriterien | Nicht berücksichtigt | Umweltfreundliche Betriebsstätten erforderlich |
Soziale Kriterien | Nicht berücksichtigt | Sozialverträgliche Arbeitsplätze erforderlich |
Rückverfolgbarkeit | Keine Transparenz der Lieferkette | Vollständige Nachverfolgbarkeit möglich |
STeP-Zertifizierung | Nicht erforderlich | Mindestens 85% des Gewichts aus STeP-Betrieben |
Gültigkeit | 1 Jahr | 1 Jahr |
Kurz gesagt: STANDARD 100 beantwortet die Frage, ob ein Textilprodukt auf relevante Schadstoffe geprüft wurde. MADE IN GREEN geht einen Schritt weiter und verknüpft Produktsicherheit mit Transparenz, Umweltmanagement und Sozialstandards entlang der Herstellung.
Weitere OEKO-TEX-Standards
LEATHER STANDARD by OEKO-TEX funktioniert analog zu STANDARD 100, ist jedoch speziell für Lederprodukte aller Verarbeitungsstufen gestaltet. Das Label testet Leder und Lederwaren auf schädliche Chemikalien und stellt sicher, dass alle Komponenten (Futter, Nähte, Beschläge) den OEKO-TEX-Grenzwerten entsprechen.
ORGANIC COTTON by OEKO-TEX ist eine Zertifizierung speziell für Bio-Baumwollprodukte. Sie kombiniert die STANDARD 100-Schadstoffprüfung mit der Bestätigung, dass die Baumwolle aus zertifiziertem ökologischem Anbau stammt (GOTS oder USDA Organic). Das Label richtet sich an Verbraucher, die sowohl Schadstofffreiheit als auch Bio-Fasern wünschen.
ECO PASSPORT by OEKO-TEX zertifiziert chemische Produkte, die in der Textil- und Lederindustrie eingesetzt werden, wie Farbstoffe, Hilfsmittel oder Beschichtungen. Das Label bestätigt, dass die Chemikalien auf schädliche Substanzen getestet wurden und für die Verwendung in nachhaltiger Textilproduktion geeignet sind.
Neben der Zertifizierung von Materialien prüft OEKO-TEX auch Unternehmen. Dazu wurden zwei Standards definiert: Das Zertifikat STeP (Sustainable Textile Production) by OEKO-TEX analysiert und bewertet Produktionsstätten nach sechs Modulen: Chemikalienmanagement, Umweltperformance, Abfallmanagement, Arbeitssicherheit, Soziale Verantwortung und Qualitätsmanagement. Die Zertifizierung erfolgt durch Vor-Ort-Audits und ist Voraussetzung für MADE IN GREEN. Beim Zertifikat RESPONSIBLE BUSINESS by OEKO-TEX handelt es sich um ein Managementsystem-Zertifikat für Textilunternehmen, das verantwortungsvolle Geschäftspraktiken entlang der gesamten Lieferkette fördert. Es hilft Unternehmen, soziale und ökologische Risiken zu identifizieren, zu managen und transparent zu kommunizieren.
Zudem stellt OEKOTEX mit DETOX TO ZERO by OEKO-TEX auch ein Analyse- und Handlungstool für Textilbetriebe zur Verfügung, die ihre Produktion von gefährlichen Chemikalien befreien möchten. Es unterstützt bei der Umsetzung von Entgiftungsprogrammen gemäß der Detox-Kampagne von Greenpeace, ist jedoch kein Produktlabel
Ist OEKO-TEX vertrauenswürdig?
OEKO-TEX ist eines der wichtigsten und anerkanntesten Zertifizierungssysteme der Textilbranche und gilt als seriös. Mehrere Faktoren unterstreichen die Vertrauenswürdigkeit:
- Unabhängige Prüfung: Die Zertifizierung basiert auf unabhängigen Labortests und Unternehmensaudits durch akkreditierte Prüfinstitute.
- Wissenschaftliche Grundlage: Die Grenzwerte orientieren sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und werden jährlich an neue Forschungsergebnisse und regulatorische Anforderungen angepasst.
- Weltweite Anerkennung: Mit Niederlassungen in über 70 Ländern und einer langen Historie (STANDARD 100 wurde 1992 eingeführt) ist OEKO-TEX international etabliert.
Kritik an MADE IN GREEN
Einige Kritiker merken an, dass MADE IN GREEN zwar mehr Transparenz bietet als STANDARD 100, aber im Vergleich zu anderen Siegeln wie GOTS weniger strenge Anforderungen an Bio-Fasern stellt. Dennoch gilt das Label als glaubwürdige Orientierung für Verbraucher, die nachhaltige Textilien suchen.
OEKO-TEX vs. GOTS: Der entscheidende Unterschied
OEKO-TEX und GOTS (Global Organic Textile Standard) sind zwei der bekanntesten Textilsiegel – sie verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. GOTS ist ein Produktions- und Lieferketten-Siegel mit Schwerpunkt auf ökologischen Fasern (z. B. Bio-Baumwolle) und sozialen Kriterien. OEKO-TEX STANDARD 100 prüft primär, ob das fertige Produkt auf bestimmte Schadstoffe getestet wurde – es sagt nichts über Bio-Material oder Arbeitsbedingungen aus. OEKO-TEX GO GREEN geht zwar auch auf die Produktionsbedingungen, soziale Kriterien und die Lieferkette ein, allerdings deutlich weniger umfangreich, als GOTS es tut.
OEKO-TEX im Sicht- und Sonnenschutz: Was ist OEKO-TEX-zertifizierter Polyester?
Beim textilen Sicht- und Sonnenschutz, wie etwa bei Flächenvorhängen, Plissees oder Lamellenvorhängen von Teba, werden primär Polyesterfasern genutzt. OEKO-TEX-zertifizierter Polyester bezeichnet Polyesterfasern oder -gewebe, die nach dem STANDARD 100 auf Schadstoffe geprüft wurden. Es geht also darum, dass die Stoffe frei sind von Schadstoffen beziehungsweise bestimmte Maximalwerte nicht überschreiten. Das Zertifikat sagt nicht aus, dass es sich bei dem Behang um Bio-Material handelt und trifft auch keine Aussagen über die Herkunft der Fasern. Wenn es sich beispielsweise um recycelte Polyesterfasern handelt, muss dies separat ausgewiesen werden.
Wie bekommen Textilien ein OEKO-TEX-Zertifikat?
Der Zertifizierungsprozess für STANDARD 100 umfasst fünf Schritte:
- Antragstellung und Bereitstellung der Prüfmuster: Das Unternehmen reicht einen Antrag bei einem OEKO-TEX-Institut ein und stellt repräsentative Produktmuster zur Verfügung.
- Prüfung anhand des OEKO-TEX-Kriterienkatalogs: Die Muster werden im Labor auf über 100 gesundheitsschädliche Substanzen getestet. Jeder gemessene Wert muss unter dem Grenzwert liegen.
- Erstellung des Prüfberichts: Das Prüfinstitut dokumentiert alle Testergebnisse in einem detaillierten Bericht.
- Abgabe der Konformitätserklärung: Das Unternehmen bestätigt schriftlich die Einhaltung aller OEKO-TEX-Anforderungen.
- Zertifikatserteilung bei erfolgreicher Prüfung: Bei positiver Prüfung wird das Zertifikat für ein Jahr ausgestellt. Wer das Zertifikat länger haben möchte, muss sich nach einem Jahr rezertifizieren lassen.
Für MADE IN GREEN müssen zusätzlich alle beteiligten Produktionsstätten nach STeP zertifiziert sein und die Lieferkette dokumentiert werden.
Wie kann ich überprüfen, ob ein Unternehmen ein reales Zertifikat hat?
Über eine öffentliche Zertifikatsdatenbank ermöglicht OEKO-TEX es Verbrauchern und Händlern die Echtheit von Zertifikaten zu überprüfen. Dazu muss lediglich die Zertifikatsnummer angegeben werden, die sich auf dem Produktlabel oder Hang Tag befindet.
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